Brachfeld Siegfried 1966

Deutscher Ungar - ungarischer Deutscher

Wer war dieser Siegfried Brachfeld eigentlich wirklich?

   "...er war ein sehr humorvoller, optimistischer, offener und lebensfroher Mensch" - erzählte kürzlich in unserer Redaktion Anna Pap - genannt "Panni" - von ihrem dreizehn Jahre älteren Mann, mit dem sie von 1953 bis zu seinem Freitod im Jahre 1978 verheiratet war und für den die "Agentur Panni" in seiner wissenschaftlichen und künstlerischen Laufbahn offenbar den Lebensmittelpunkt bildete. Diese Offenheit und Freundlichkeit, von der Anna Brachfeld spricht, wurde aber oftmals missverstanden und ausgenutzt. Sie schildert ihren Mann als einen hochsensiblen Menschen, bei dem so manches Verhalten der Zeitgenossen oftmals auch Enttäuschung und Misstrauen auslöste.
   Siegfried Brachfelds Muttersprache war Deutsch und sein Vaterland Ungarn. Die Mutter kam aus Ostpreußen und der Vater aus Budapest. Der sprach nur Deutsch, weil er meinte, dass die unfarische Sprache nur bis zur Grenze des Landes seine Gültigkeit besäße. Er hatte eine Konzertagentur in Berlin und leitete dort das damals durchaus bekannte Oscar-Brachfeld-Orchester. In einem Kaffeehaus lernte er ein 17jähriges Fräulein kennen, mit dem er eine lebenslange Beziehung einging und die im Laufe der Jahre zwei Mädchen und am 17. April 1917 in Berlin schließlich Siegfried zur Folge hatte.
Nach dem Gymnasiumsabschluss arbeitete Siegfried Brachfeld zunächst als Zeitungsausträger, Laufbursche und Straßbenverkäufer. In einem Münchner Warenhaus lernte er Annemarie, eine blonde Schönheit und seine erste große Liebe, kennen, die einen tragischen Verlauf nahm. In dieser langen und traurigen Geschichte spielt der Stiefvater des Mädchens eine unrühmliche Rolle. Von Anfang an hatte er etwas gegen die Verbindung der beiden jungen Leute, und tat alles, um diese zu verhindern. Eine flapsige Bemerkung von Siegfried über das Hitlerbild im Schlafzimmer der Eltern von Annemarie kam ihm gelegen. Er zeigte ihn wegen staatsfeindlicher Hetze bei den Behörden an und ließ seine Stieftochter in eine Nervenheilanstalt einliefern.

Brachfeld Siegfried nagyapja 1903    Während des Prozesses gegen Siegfried Brachfeld tauchte Annemarie auf, die aus dem Irrenhaus geflüchtet war und ihrem Liebsten beistehen wollte. Das Gericht entscheid, den Verurteilten als Schutzhäftling nach Dachau zu schicken und dort bei den Politischen einzusperren. Durch eine Intervention Horthys wurden er und seine Eltern dann im Jahre 1940 nach Ungarn, in das Herkunftsland des Vaters, abgeschoben. Siegfried ist dadurch per Gesetz ungarischer Staatsbürger geworden. Anna Brachfeld erinnert sich noch an die Erzählungen ihres Mannes, in denen er die Abschiebung über die ungarische Grenze beschrieb: Ein Grenzpolizist habe ihn aufgegriffen, mit nach Hause genommen und mit Pflaumenmus versorgt. Erstaunt war er darüber, dass der Beamte Unterwäsche aus der Produktion eines kaiserlich-königlichen Hoflieferanten namens Brachfeld trug - von seinem Großvater also. Siegfried wurde zum Militärdienst in die ungarische Armee einberufen und bekam - wegen seiner mangelhaften, aber immer besser werdenden Sprachkenntnisse - einen Schwaben als Dolmetscher zur Seite.


   Ab 1944 beginnt auch der Sohn Siegfried, die ungarische Sprache intensiv zu lernen. Dies ermöglichte ihm, während seiner Militärdienstzeit in Königsberg deutschen Soldaten als Dolmetscher zur Seite zu stehen. In Königsberg geriet er 1945 in Gefangenschaft, aus der er erst Ende 1949 wieder nach Budapest zurückkehrte. Hier arbeitet Siegfried Brachfeld zunächst in einer Buchhandlung und ab 1950 im deutschen Studio von Radio Budapest. Beim Sender lernte er auch seine spätere Frau Anna kennen. Wegen seiner guten Landes- und Sprachkenntnisse übertrug man ihm 1956 die Berichterstattung über den Ungarn-Aufstand beim Rundfunk der DDR in Berlin. Während dieser Zeit begann er  in ein Metier einzusteigen, das ihn später in Ungarn ausgesprochen beliebt machen sollte - das des Conférencier.
   Viel wichtiger war es ihm aber, zunächst an der Budapester ELTE-Universität, bei Prof. Dr. Ferenc Mádl, Germanistik - Zweitfach Theaterwissenschaften - zu studieren. Dieser regte ihn auch zum Thema seiner Dissertation an, die er 1970 an der Philosophischen Fakultät der Freien Universität in West-Berlin mit cum laude abschloss. Das Thema der Arbeit lautete: "Deutsche Literatur im PESTER LLOYD zwischen 1933 und 1944". Es handelt sich dabei um eine der ersten, aber mustergültigen Analysen des Blattes in einem Zeitraum, in dem solch bedeutende Schriftsteller wie Thomas Mann, Stefan Zweig, Joseph Roth, Alfred Polgar, Egon Erwin Kisch, Erich Kästner und viele andere aus dem Exil für diese meinungsbildende ungarische Zeitung in deutscher Sprache geschrieben haben.
   Brachfeld lebte jetzt in Berlin-Wilmersdorf, wohin seine Eltern bereits 1958 wegen der anstehenden Entschädigungszahlungen zogen. Als sein Vater die Summe der Entschädigung erfuhr, hat dieser für immer die Augen geschlossen.
   Der Urlaub wurde von nun an nur noch in Ungarn, meist am Balaton, verbracht, wo er auch mit Kulturprogrammen unterwegs war. Es war die Zeit, in welcher der ungarische Rundfunk für ihn und seinen Mit-Conferencier, den bekannten Publizisten Sándor Novobáczky, einen ständigen Sendeplatz einräumte. Aber auch im Fernsehen nahmen die beiden "Kempen der Satire" - wie sie bald bezeichnet wurden - menschliche Schwächen, typische ungarische Verhaltensweisen oder den Umgang mit der Bürokratie kritisch, charmant, humorvoll und scharf pointiert unter die Lupe.
   Ab 1971 hatte Brachfeld auch eine ständige satirische Kolumne in der "Budapester Rundschau", jener deutschsprachigen Zeitung, die seit 1967 das gefällige Sprachrohr des ungarischen Außenministeriums war, aber auch wegen ihrer oftmals "Gulaschkommunisten"-Art in der DDR nicht durchgängig vertrieben werden durfte. Dies war mit ein Grund, warum diese Zeitung im Jahre 1999 vom PESTER LLOYD wiederbelebt wurde und seitdem als wöchentliche Beilage über die hauptstädtischen Ereignisse berichtet.
   Diese Brachfeld-Texte aus der Zeitung - und noch viele andere - wurden seit den 70er Jahren zur großen Freude der Leser in "Diese Ungarn",  "Mitten am Rande" und "Also nein, diese Ungarn" meist von ostdeutschen Verlagen publiziert. Heute sind diese heiteren Büchlein, in denen auch sehr viel über die ungarische Sprache und Mentalität zu erfahren ist, allesamt total vergriffen.
   War Siegfried Brachfeld auf der einen Seite voller Tatendrang, mit reichlich Mutterwitz ausgestattet und an Ideen überschäumend, verstärkten sich andererseits Mitte der 70er Jahre seine Depressionen. Man begegnete in dieser Zeit immer mehr einem enttäuschten und an Verfolgungswahn leidenden Menschen. Hinzu kam ein Einbruch ins Haus der Brachfelds am Balaton im Jahre 1974. Obwohl es sich um eine Einbruchsserie in der gesamten Gegend handelte, glaubte er, diese Tat sei gegen in gerichtet. Sein Nervenleiden nahm mit den Jahren immer mehr zu und wurde für ihn und seine Umgebung mitunter unerträglich. Kein geringerer als sein Freund Dezső Keresztury, (u.a. erster Kulturminister Ungarns nach dem Krieg, Schriftsteller, Dichter, Direktor des Berliner Finno-Ugrischen Institutes) versuchte ihm einen Arzt zu vermitteln, der sein Leiden mildern könnte. Doch seine Witwe erzähltä, dass kurz vor dem Besuch dieses Arztes, am 22. Juni 1978, Dr. Siegfried Brachfeld selbst über sein Leben entschieden hatte.
   Dieser heitere, lebensfrohe Mensch hat uns ein Werk hinterlassen, das wichtige Einblicke in die deutsch-ungarische Geschichte und in das nicht immer einfache Zusammenleben zweier Völker vermittelt. Brachfelds Ton ist von einem charmanten Dauer-Witz durchzogen und wird von eleganter Satire begleitet. Das Kleine ist ihm wichtig, und damit erhält das scheinbar unbedeutende Gestalt und Bedeutung. Alles groß gemachte, das künstlich Aufgeblasene oder gar folkloristischer Pathos, ist nicht sein Ding. Er gibt solche Erscheinungen - ohne dabei ungarische Gefühle zu verletzen - gekonnt der Lächerlichkeit preis. Brachfeld ist ein meisterlicher Fabulierer und ein Meister des kurzen, pointierten Gedankenblitzes. Nicht alle seine Texte sind von gleicher Qualität, das Tagesgeschäft schimmert da und dort sympathisch durch. Seine Satiren zeugen von einer großen Liebe zu Menschen aller charakterlichen Schattierungen. Sein Umgang mit der ungarischen Sprache, die humorvollen Erläuterungen komplizierter grammatikalischer order lexikalischer Zusammenhänge, stellen ob ihrer verblüffend einfachen Logik so manches Sprachinstitut oder sich wissenschaftlich gebende Lehrbücher - natürlich satirisch - in Frage.
   Aber Brachfeld war nicht nur ein zu unrecht fast vergessener Satiriker und begabter Schriftsteller, sondern auch ein Literaturwissenschaftler, der mit Sachverstand und politischer Reife analytisch arbeiten konnte. Das für uns verwertbarste Beispiel hierfür ist seine Dissertations-Schrift. Einer der wenigen Texte, die sich mit einer solchen Intensität mit einer Zeitung wie dem PESTER LLOYD beschäftigt haben. Brachfelds diesbezügliche Arbeit ist ein wertvoller Beitrag dafür, das deutsch-ungarische Verhältnis in einer komplizierten Zeit besser zu verstehen und einordnen zu können. Nicht  nur wegen der Nähe dieser Zeitung zu Siegfried Brachfeld, und auch nicht allein wegen seiner vergriffenen Bücher in den Regalen, sondern vielmehr wegen der bestehenden Gefahr des Vergessens eines wichtigen "ungarischen Deutschen", - der im Laufe seines Lebens auch ein "deutscher Ungar" aber niemals ein "Ungarndeutscher" wurde - haben wir uns entschlossen, seine Satiren in einer neu geordneten Publikation und mit bisher unveröffentlichten Texten aus seinem Nachlass herauszugeben.
Brachfeld Anna


   Ich bedanke mich insbesondere bei Frau Anna Brachfeld (Foto, 2003), die unser Buch-Projekt - quasi wieder als "Agentur Panni" - in allen Fragen aufgeschlossen und hilfreich unterstützt hat.




Gotthard B. Schicker,
Budapest im September 2003

 
 


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